Der Künstler

Was würde geschehen, wenn der Mensch die persönlichen und gegenständlichen Erinnerungen seiner Erlebnisse nicht in seinem Kopf, in seinem Gehirn, sondern aussen, in seinem Haar, um seinen Kopf tragen würde? Was würde geschehen, wenn den Menschen ein meist komisches, ziegenwangiges, mit verdrängt helldunklen Farben, mit gütig strengen Linie zu mehreren Dimensionen gewachsenes, wunderschönes Mädchengesicht verkörpern würde?

 

Was würde geschehen, wenn wir die in rosarot biegenden Lilas, das goldene Graugrün aufheben könnten, um darunter die seidene Haut der Begabung zu berühren?
Was würde geschehen, wenn die Welt zugrunde ginge und für Gott nur die Bilder von Miklos Farago übrig blieben, damit er sie als Muster benützt um seine Unendlichkeit neu zu schaffen?
Was würde geschehen, wenn die Ästhetik endgültig aussagen, formulieren könnte, was Schönheit ist? Nach Meinung von László Garai ist die Schönheit das symbolische Erleben des menschlichen Freiheitsbedürfnisses.

 

Was aber ist Freiheit? Der Besitz des unendlichen Raumes und der unendlichen Zeit, das heisst, die vollkommene und absolute Wahlmöglichkeit. Denn, wenn ich ewig lebte, wenn ich überall anwesend wäre, dann geschieht alles Mögliche und Unmögliche mit mir, dann kann ich nicht falsch wählen, weil der Irrtum keine Gültigkeit hat. Die Schöpfung ist umso „schöner", je mehr Raum, je mehr Zeit im endlichen Platz findet, je grösser das Fenster ist, das sie auf ihre mehrschichtige, starke Gottheit, auf die in unwiederholbarer Form und Konstruktion komprimierte Bewegung öffnet. 

 

Ich betrachte die Bilder von Farago und weiss nicht genau, was das Wort „genial" bedeutet. Genial ist eine von vielen Tatsachen bestimmte Kategorie. Sie ist erfüllt mit allerlei geschichtlichen, gesellschaftlichen, determinierten und zufälligen Voraussetzungen und Elementen. Trotzdem versuche ich, sie zu „zeichnen".

 

Ich bin der Meinung, dass die Genialität die 21. Etage ist, von der viele Kandidaten abspringen. Aber nur derjenige bleibt übrig, dem in der Höhe der dreizehnten Etage Flügel wachsen, mit deren Hilfe er in den sich öffnenden Himmel fliegt.

 

Ich weiss nicht, ob Farago genial ist. Eines aber weiss ich sicher: Seine Flügel sind schon gewachsen, er hält jetzt in der 16. Etage inne. Und im Himmel warten auf ihn bereits die lächelnden und weinenden, ziegenwangigen Mädchen, mit ihrem überirdischen Leuchten in ihrem sternenübersätem Haar, voll mit Häusern, die Unterkunft und Prophezeiungen versprechen, brennenden Dornenbüschen gleich.

 

Ich glaube Miklos Farago, dass die Welt so ist. Und wenn ich Gott wäre, würde ich, seine Bilder als Muster benutzend, die Welt ein zweites Mal erschaffen...


 


Gyula Hernádi
Schriftsteller, Kunsthistoriker


Weitere Informationen:

Biographisches Lexikon - Seregélyi György, Szeged/Ungarn, 1988
Lexikon über die Zeitgenössischen Kunst - Enciklopédia Kiadó, 1999
Who is Who- Greger Biograf, Budapest/Ungarn, 1999
Who is Who in Europe- Greger Biograf, Budapest/Ungarn, 2003