Ars poetica
Das Buch wird von seinem Verfasser genauso wenig beendet, wie ein Gemälde von einem Kunstmaler nie vervollständigt wird. Man könnte sagen, an einem gewissen Punkt werden der Künstler und sein Werk einfach voneinander getrennt.
Wenn es nach meinem Herzen ginge, würde ich immer wieder dieselbe wunderbare Frau malen – ein ganzes Leben lang. Sie hätte warme, braune Augen, würde sehnsüchtig lächeln, während ihr blondes Haar von einem sanften Mediterranwind gestreichelt würde. Irgendwann würde ich eine kurvenreiche Seidenschleife zwischen ihre weich fallenden, roten Locken flechten, später würde ich ihre Augen ins geheimnisvolle Dunkelgrün kühler Brunnen kolorieren und Tränen würden darin glänzen. Die Landschaft, die sie umgibt, würde sich genauso verändern wie meine Stimmung. Es gäbe Tage, an denen sanfte Frühlingswolken im unendlichen Himmelblau schwebten, dann wieder würde ich meine schöne Frau mit reifen Sommerfarben beschenken. Dann wiederum würde ich sie als Bacchus mit schwelgendem Herbstpomp und frostigen Traubenblättern dekorieren, oder ich würde sie mit schneeweisser Weichheit umhüllen, ihre Haarkrone wäre mit stählern strahlenden Farben der im Sonnenlicht glänzenden Eisblumen bedeckt. Ihr sich sicher immer änderndes Gesicht würde meine Seele widerspiegeln mit dem Laufe der Zeit. Wann immer ich sie mir ansähe, wäre sie anders und wiederum anders, doch immer wieder SIE. Meine in unterschiedlichen Ländern der Welt und zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Werke wären Mosaikstücke eines einzigen Werkes: dem meines Lebens.
Musik ertönt im Herzen eines jeden Menschen, vor seinen Augen huschen Bilder vorbei, in seiner Seele formen sich schöne Worte zu Gedichten. In der unendlichen Weite unserer Fantasie schaffen wir unglaubliche Dinge. Doch nicht jedermann ist fähig, dieses Wunder auch für andere deutlich erkenn- und geniessbar zu machen. Der Schöpfer hat sich in seiner guten Laune entschieden, einige von uns mit dieser wunderbaren Möglichkeit zu beschenken, um diese wichtige Aufgabe durchführen zu können. Dieses Geschenk wird „Talent“ genannt, die Aufgabe nennen wir „Kunst“. Jeder Auserwählte muss Meister seines Berufes sein, und jeder Meister kann Künstler werden, falls er – die Möglichkeit ergreifend – seine Aufgabe zur Freude der anderen verrichtet.
Die Kunsttreibenden haben ihre Aufgaben von Anfang an so verrichtet, dass sie die existierende Welt ringsherum sowie die Menschen darin als einen Spiegel in einer auch für die anderen erkennbaren und natürlichen Weise reflektierten. Die Art der Formulierung konnte sich je nach Epoche, Platz sowie Kunstgattung verändern, aber sie hat die Individualität des Schöpfers immer wiedergegeben. Das Grundprinzip war immer konstant und einfach: Erreichbarkeit und Nutzbarkeit. Im Laufe der Geschichte sind die Inspiratoren der Kunstwerke meist aus der vermögenden Schicht gekommen, die über materielle Möglichkeiten verfügten, um ihre Umwelt sowie ihren Alltag mit Werken von begabten Meistern angenehmer und lebenswerter zu gestalten. Die Auftraggeber von literarischen, musikalischen, kunstbildenden und kunstgewerblichen sowie architektonischen Werken wurden automatisch zu natürlichen Kritikern der Künstler. Sie waren diejenigen, die das Ergebnis der Schöpfer anerkannten – oder aber auch nicht – und sie nach ihrer Zufriedenheit entlohnten.
So entstand ein Equilibrium, in dem die Diensthabenden und Nutzniesser von Diversis Artibus in einer Symbiose lebten. Diesem Umstand verdanken wir es heute, dass uns in ehemaligen Schlössern und Palästen, welche zu Museen umgestaltet wurden, Gemälde, Statuen, Kunstwerke, Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände von unseren Vorgängern zur Betrachtung überlassen wurden. Als Wirkung eines jahrtausendelang andauernden Prozesses können wir die Schönheit der Tempel von Karnak und Luxor geniessen, bewundernd vor den Statuen von Michelangelo stehen, die Brandenburger Konzerte von Johann Sebastian Bach immer wieder spielen, auf die in den Himmel strebenden Kathedraltürme einen Blick werfen. In deren gotischem und barockem Inneren können wir die Altarbilder und die Devotionalien der vergangenen Zeiten wiederfinden; die meisten wurden aufgrund von Bestellungen kreiert und dienten einem einfach zu verstehenden Zweck. Die Künstler wurden durch die klingenden Goldmünzen der reichen Besteller inspiriert.
Keiner von ihnen hatte sich geschämt, sein Talent gegen Geld zu verkaufen. Im Gegenteil! Als Rembrandt im Jahre 1642 sein Gemälde „Nachtwache“ beendet hatte, erhielt er einen stattlichen Betrag. Damit die sechzehn Mitglieder der Amsterdamer Schützengilde auf dem Bild verewigt wurden, mussten sie pro Kopf 100 Gulden bezahlen. Für das erhaltene Geld wurde er gebeten, auf dem Gemälde Kapitän Willem van Ruytenburgh, der schwarz bekleidet war, sowie Leutnant Jan Visscher Cornelissen, der neben ihm in gelber Bekleidung stolzierte, als Zentralfigur darzustellen. In der linken Mitte der aus insgesamt 34 Figuren bestehenden Komposition, neben einem Mädchen (welches übrigens sehr der Frau des Malers, Saskia, ähnlich sieht) hat der Maler neben den zwei Offizieren eine weitere Person von den Hintergrundfiguren hervorgehoben. Dank der „Chiaroscuro“-Technik – dem genialen Licht- und Schattenspiel von Rembrandt – eine Muskete füllende Figur. Nach zeitgenössischen Gerüchten hat der ehemalige „Arquebusier“ es dem geschickten Künstler sehr grosszügig gedankt, dass er neben den Offizieren und den anderen „100-Gulden-Bestellern“ in seiner roten Bekleidung noch imposanter hervorgehoben wurde.
Ich habe denjenigen nie geglaubt, die sich mit unechter Demut händereibend geäussert haben, dass sie nicht wirklich wüssten, ob sie begabt sind. Wenn jemand nicht daran glaubt, dass er der Beste ist, aus welchem Grund darf er das Recht zur Schöpfung für sich beanspruchen? Legen wir doch unsere Hand auf’s Herz: Wer ist neugierig auf mässige oder bedeutungslose Arbeiten und deren Erzeuger? Der Künstler, der von seiner eigenen Grossartigkeit nicht überzeugt ist, ist nicht fähig, sich selbst positiv zu beurteilen – wie könnte er es also von anderen erwarten? Solch eine Person sollte sich besser nach einem anderen Beruf umsehen.
Ein guter Maler soll natürlich begabt sein und gleichzeitig auch kommerziell eingestellt. Das bedeutet ganz einfach: verkaufbar. Dies zählte immer wieder als eine ehrenvolle Bezeichnung für Künstler und deren Kompositionen. Leider wurde dieser Ausdruck heute eher zum Schimpfwort degradiert. Die Mehrheit der Künstler versucht erst gar nicht, durch ihre Begabung ihre eigenen Träume mit den Vorstellungen des Bestellers in Einklang zu bringen. Sie haben kein Interesse an den Erwartungen des Käufers, an den Wünschen der eventuellen Mäzene. Sie versuchen nicht einmal aufgrund ihrer Begabungen und Ausdrucksmöglichkeiten das zu tun, was ihre eigentliche Aufgabe wäre: beim Betrachter ein Glücksgefühl hervorzurufen. Sie verschliessen sich im Elfenbeinturm ihrer entfremdeten aristokratischen Existenz und verschwenden so ihre gottgegebenen Talente.
Geburt – Liebe – Tod: Dies ist der unaufhaltsame Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung, diese Grundbegriffe bleiben unverändert für alle Zeiten. Was ist in der Welt passiert, wodurch hat sich die aristokratische Abhandlung des mehrere Tausend Jahre alten Kanons gewandelt? Wodurch wurden die Ausdrucksmittel der bildenden Künste anders und warum werden neue Kriterien zur Bewertung verwendet?
Zu Beginn des zwanzigstens Jahrhunderts beschleunigte sich die Welt zusehends. Die Künstler versuchten, der sich neu gestaltenden Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dem sich immer wieder verändernden Rhythmus anpassend zeigen zu können. Diese Bemühungen resultierten aus einer komplexen Aussage, die sie damit versuchten verständlich zu machen, indem sie ihre Umgebung zuerst in Teile aufgliederten. Anfangs simplifizierten sie Farben und Formen, dann begannen sie, die Grundlagen neu zu formulieren. Sie benötigten diesen Rückzug von der visuellen Wahrheit. Die Welt, die gewohnte Tradition, die daraus folgende Ausdrucksmethode wurden durch fieberhafte Spannung der Suche ersetzt.
Es begannen die ständigen Versuche, die visuell greifbaren, harmonisch geniessbaren, formell erklärbaren Kreationen zu verdrängen.
Diese paar Jahrzehnte bedeuteten die Anfangs- und Versuchsphasen der Abstraktion in der Kunstgeschichte. Neben den vielen ehrlichen und über ein
bestimmtes Wissen verfügenden Künstlern – mit einer starken Hand auf den klassischen Fundamenten der Kunst – sind die Scharlatane erschienen, welche die Gelegenheit in der sogenannten „Einfachheit“ der Resultate dieser intellektuellen Spiele sahen.
Ohne Fachwissen und moralische Überzeugung benutzten sie die Ergebnisse der aus der Tiefe kommenden, ästhetischen Grübeleien anderer, um minderwertige Werke zu schaffen. Zum Schluss erschöpfte sich der Durchgang der simplifizierenden Katharsis der Kunstgebiete des vorigen Jahrhunderts an der Erhebung der provinziellen Epigone ihrer vermeintlichen Kunstrichtungen.
Die Zuschauer, Zuhörer und Leser, die so lange aktive Teilnehmer an den traditionellen Schöpfungsprozessen waren, betrachteten das Chaos, das sich ringsumher gestaltete, mit wachsendem Unverständnis. Ihre konventionelle Ausbildung gab ihnen nicht genügend Grund, um die weit vorherlaufenden visuellen, musikalischen und belletristischen Versuche zu verstehen – eventuell zu verstehen – versus die unechte Nachempfindung der Gaukler, die die echten Werte billig kopierten. Die bisherigen „Kunstverwender“ waren meistens nur für die in der Architektur und im Kunstgewerbe stattgefundenen Veränderungen empfänglich. Die allgemeine Abneigung gegen die Versuchstendenzen wurde zur Brutstätte einer neuen Kaste.
Die starre Unverständlichkeit der Gesellschaft hat zum Schluss in den klassischen Zeiten unvorstellbare Berufszweige hervorgebracht: die Kunstkritiker und deren Experten.
Die Praktikanten der überflüssigen Nonsens-Berufe setzten sich in der Mehrheit aus den frustrierten Kreisen der erfolglosen Künstler zusammen. Da die meisten von ihnen keine wirkliche Begabung zur Ausübung ihrer ursprünglichen Berufe hatten, versuchten sie, aus den in immer grösserer Zahl erscheinenden autoritativ klingenden Erklärungen über minderwertige Kreationen für sich selbst irgendwelche Karrieren zusammenzuschmieden. Ihre von verbogenen Hinweisen und unverständlichen Kunstwörtern wimmelnden pathetischen Ideenflüge wurden von niemandem wirklich verstanden.
Falls es in ihrem Interesse lag, wurde Nichtlobenswertes auf’s Podest gehoben oder vielversprechenden Talenten ein Bein gestellt. Durch ihre überhebliche Besserwisserei wurden die Menschen, die ihrem eigenen guten Geschmack und Urteilsvermögen immer weniger trauten, in einer Art und Weise überfahren, dass sie nicht einmal wagten, mit den selbstgefälligen „Autoritäten“ zu diskutieren. So ist die ehemalige, um die Schönheit des Menschen werbende Kirche, Artibus, in die Hände von Manipulatoren gefallen. Das Verhältnis zwischen dem echten Künstler und seinem Mäzen wurde durch die von ihnen künstlich erregte Spekulation abgelöst, es hatte gar nichts mit der ursprünglichen Heiligkeit der Schöpfung zu tun.
Die wunderbare Schönheit der Natur wird in unserer Zeit nicht nur durch das eintönige Grau des alles bedeckenden grauen Betons, durch stinkenden Rauch unserer quietschenden Maschinen verschmutzt, wenn sie in den Körper der Mutter Erde eindringen. Sie wird auch durch die unrichtig als „Kunst“ bezeichneten inhumanen Installationen und Happenings – das Endprodukt der ehemaligen Abstraktion – und von den sie verzärtelnden und doch bei ihnen schmarotzenden Parasiten zerstört.
Unser echtes Erbe ist die von uns allen spürbare und verständliche Harmonie von Gaia sowie die unzähligen, geniessbaren und harmonischen Schönheiten,
die von echten Meistern im Laufe der Jahrtausende errichtet wurden.
Wir müssen diesen wunderbaren Einklang, das gemeinsame Vermögen von uns allen wieder finden.
Ich bin bloss einer derjenigen, welcher mit Talent ausgestattet wurde, um sich in Form von Kreation mit anderen auszutauschen, Freude zu bereiten, eine Oase in der geistigen und seelischen Heide schaffen zu können. In meinen Werken strebe ich danach, „das verlorene Paradies“ sowohl für mich selbst als auch für die anderen wiederzufinden.
Das Geschenk, das ich bekommen habe, ist nur ausreichend, um durch meine Bilder den Pfad zu öffnen, der dorthin weist. Den dahin führenden Weg muss aber jeder für sich selbst zurücklegen …